An einem warmen Sommertag trafen wir uns in Stäfa am Zürichsee um zusammen die wunderschönen Fenster der katholischen Kirche St. Verena anzuschauen. Gestaltet wurden sie vom jüdischen Künstler Dan Rubinstein. Wie es dazu kam, erzählte uns Alois, der diesmal die Führung grad selber übernahm.
Zuerst aber trafen wir uns wie gewohnt zum Mittagessen, im Garten der „Alten Krone“, wo schon Goethe tafelte…
… bevor wir uns dann aufmachten zu einem kurzen Spaziergang zur nahen Kirche.
Ich war schon ein paar mal in dieser Kirche, und jedes Mal staune ich erneut ob der Farbenpracht. Wirklich einfangen kann ich das nicht mit meiner Kamera. Aber ich habe es versucht. Du findest alle Bilder am Schluss des Berichts.
Die Kirche St. Verena ist die einzige katholische Kirche der Schweiz, die Fenster von einem jüdischen Künstler hat. Die andere, bekanntere Kirche mit Fenstern von einem jüdischen Künstler haben wir letzten Herbst besucht: das Fraumünster mit den Chagall-Fenstern. Diese Kirche gehört seit 500 Jahren den Reformierten.
Dan Rubinstein kam 1940 in Israel auf die Welt, mit elf Jahren erkrankte er schwer und verbrachte die nächsten 13 Jahre in Krankenhäusern. Nichts half. Bis eine Ärztin der Bircher-Benner-Klinik (Birchermüesli!) vorschlug, Dan nach der naturheilkundlichen Methode von Bircher-Benner zu behandeln. So kam Dan Rubinstein in die Schweiz, und das Wunder geschah! Nach einem Jahr Behandlung konnte er wieder gehen. In all den Jahren hat er nie die Hoffnung aufgegeben, seinen Glauben nie verloren. Er blieb in der Schweiz, studierte die hebräische Bibel und an der Kunstgewerbeschule und Universität in Zürich, lernte Alois Carigiet kennen und auch Yehudi Menuhin. 1971 konnte er endlich wieder einmal nach Israel reisen, dort lernte er die Fremdenführerin Marta kennen und nur vier Monate später heiratete er sie. Ende der 80er Jahren kam für Dan Rubinstein der grosse Durchbruch, er konnte 5 grossflächige Fenster für eine Geburtsklinik in Jerusalem gestalten.
Eine Pfarreireise führte Mitglieder der Pfarrei St. Verena nach Jerusalem, wo sie die Fenster anschauten. Als die Leute erfuhren, dass der Künstler dieser Pracht in Zürich lebt, war der Gedanke, dass er die Fenster ihrer Kirche gestalten könnte nicht mehr weit. Im Jahr 1998 feierte die Pfarrei das 50-jährige Jubiläum der Kirche, ein perfekter Anlass, sie neu zu «befenstern»! Und darum können wir uns heute in Stäfa von Dan Rubinstein durch einige der bekanntesten Geschichten des Alten Testamentes führen lassen; auf der Bergseite zum Thema «Gnade, Barmherzigkeit und Liebe» (Erzeltern) und auf der Seeseite zu «Gesetz und Gerechtigkeit» (Mose).
Fenster für Fenster erklärt uns Alois, der mit Dan und Marta Rubinstein befreundet ist, was es da zu sehen gibt. Vieles ist offensichtlich, wir kennen ja alle die biblischen Geschichten, und trotzdem gilt es da und dort genauer hinzusehen. Nicht immer ist alles ganz logisch aufgebaut, wie z.B. das Fenster zu Abraham (von unten nach oben): er zieht aus, aus seiner Heimat, in das Land, das Gott ihm zeigen wird, es werden ihm Nachkommen verheissen, so viele wie Sterne am Himmel stehen, Abraham bewirtet die drei Gäste und Sara lacht im Hintergrund über die Prophezeiung, dass sie in einem Jahr Mutter sein wird.
Am buntesten ist wohl Josefs Mantel dargestellt. Hier verläuft die Geschichte von oben nach unten: Neben Rahels Grab (sie starb bekanntlich bei der Geburt von Benjamin) fällt der bunte Mantel nach unten: Josef wird von seinen Brüdern in den ausgetrockneten Brunnen geworfen, er wird von Midianitern gerettet und nach Ägypten verkauft (oder von den Ismaeliten, oder von den Brüdern verkauft, je nach Bibelstelle), wo er von Potifars Frau verführt und angeklagt wird, ins Gefängnis kommt, dank seinen Traumdeutungen wieder frei wird und aufsteigt in der ägyptischen Gesellschaft, und schliesslich seine Brüder und den Vater vor dem Hungertod rettet. Das hier ist die Kürzestfassung, in der Bibel dauert das alles etwas länger (Gen 37 ff), und noch länger wird es bei Thomas Mann, er braucht 4 Bände, um die Geschichte von Josef und seinen Brüdern zu erzählen (übrigens sehr empfehlenswert, wenn dich das interessiert und du Geduld hast für seinen ausschweifenden Erzählstil).
Auf einem weiteren Fenster ist Tamar zu sehen (Mitte), was mich sehr freut, denn sie hat mich schon immer beeindruckt, weil sie sich so unkonventionell für ihre Rechte zu wehren weiss (nachzulesen bei Gen 38). Unten sind Noemi und Rut zusammen unterwegs und oben segnet der sterbende Jakob Ephraim und Manasse. Tamar und Rut gehören übrigens in den Stammbaum Jesu, zusammen mit Sara, Rahab, Batseba und natürlich Maria, so nachzulesen gleich am Anfang des Matthäusevangeliums.
Sechs Fenster sind Mose gewidmet. Das erste ist von der Empore verdeckt, nur der unterste Teil ist einigermassen gut zu sehen.
Ein weiteres Fenster zeigt Mose beim brennenden Dornbusch, dann beim Pharao (die 10 Plagen), die Rettung am Schilfmeer, das Wasser-Wunder in der Wüste, das goldene Kalb (es trampelt auf den Gesetzestafeln, die Mose aus Wut über den Götzendienst zerschmettert hat), und schliesslich die Gesetzestafeln zum zweiten: Mose geht nochmal auf den Berg und kommt strahlend – die Menge wendet sich geblendet ab – und mit den Tafeln zurück.
Selbstverständlich hat auch David ein Fenster. Im untersten Teil ist noch einmal Rut zu sehen, diesmal mit Boas, sie sind die Urgrosseltern von David, in der Mitte kämpft David gegen Goliat und oben jubelt David mit dem Volk.
Neben all den Farben lohnt es sich übrigens, auf die Farbe Weiss zu achten. Gott kann und soll man nicht darstellen. Dan Rubinstein nutzt weiss für das Göttliche in seinen Bildern. Auch sind in den Bildern hebräische Buchstaben und Wörter zu entdecken. Mal ganz deutlich, oft auch eher versteckt und nur sichtbar für jene, die hebräisch können. Wahrscheinlich wäre in den Bildern enorm viel mehr zu entdecken, wenn man die hebräische Schrift und auch hebräische bzw. biblische Symbole und Zahlen besser kennen und verstehen würde. Auf einige hebräische Wörter hat Alois hingewiesen (z.B. Yarden = Jordan oder beim Kreis des Goldenen Kalbs «egel» = Kreis).
Wer sich gern noch weiter mit den Bildern befassen möchte, dem kann ich nur den Besuch in Stäfa empfehlen und sich dort allenfalls den wunderschönen Bildband zu den Fenstern zu kaufen. Er ist auf dem Pfarramt für Fr. 25 erhältlich. Ein Schnäppchen für dieses tolle Buch!
Bericht und Bilder: Barbara Fleischmann
(Bilder anklicken, dann werden sie grösser)