Fraumünster

Freitag, 18. Oktober 2024

Vor genau 500 Jahren übergab Katharina von Zimmern, die letzte Äbtissin, das Fraumünster der Stadt Zürich. Was das genau bedeutete, und wie man sich die Stadt von damals in etwa vorstellen muss, erfuhren wir an einer äusserst spannenden Führung durch die Stadt. Am Nachmittag stand dann die Kirche mit den wunderschönen Fenstern im Zentrum unseres Interesses.

Stadtführung auf den Spuren von Katharina von Zimmern

Aber von vorn: wir trafen uns vor dem Fraumünster, das übrigens dieses Jahr ausnahmsweise wieder zwei Türme hat. Es gab schon einmal eine Zeit, in der das Fraumünster über zwei Türme verfügte. Der eine wurde aber abgebrochen, der andere dafür höher gebaut. Zu Ehren von Katharina von Zimmern hat das Fraumünster nun vorübergehend wieder zwei Türme. Im Katharinenturm wird nicht nur sie geehrt, sondern alle Äbtissinen des Fraumünsters und 500 weitere Frauen, die für Zürich wichtig waren und noch sind.

ein Ausschnitt aus dem Katharinenturm

Irene Gysel

Irene Gysel, die Fachfrau, wenn es um Katharina geht, führte uns auf ihren Spuren durch die Altstadt von Zürich. Im Kreuzgang des Fraumünsters erklärte sie uns zuerst einmal, wie man sich das Klosterleben von damals vorstellen muss. Das Fraumünster nahm nur adlige Frauen auf, die im Kloster ihre eigenen Gemächer und ihre Bediensteten hatten. Die Frauen trugen auch keinen Habit, ausser fürs Gebet in der Kirche, sondern kleideten sich in ihre prunkvollen Gewänder. Es war also ganz anders, als die Bilder zur Gründungslegende im Kreuzgang vermuten lassen. Mehr zu dieser Legende später, bzw. weiter unten!

Darstellung der Gründungslegende

Katharina war eine Adlige aus Messkirch. Sie hatte eine dramatische Familiengeschichte. Ihr Vater war beim Kaiser in Ungnade gefallen, die Familie musste aus ihrem Schloss fliehen und kam zuerst einmal nach Weesen. Und was machte man damals mit jungen Frauen? Sie wurden verheiratet oder eben in ein Kloster geschickt. Katharina kam also 1491 mit gerade mal 13 Jahren zusammen mit einer älteren Schwester ins Fraumünster nach Zürich. Und nur 5 Jahre später wurde sie 18jährig Äbtissin und damit auch Stadtherrin von Zürich, und blieb es, bis sie 1524 ihr Amt aufgab und die Fraumünsterabtei der Stadt Zürich übergab. Sie heiratete und bekam 2 Kinder, wobei das erste wohl schon während ihrer Zeit im Kloster zur Welt kam. Beweise dafür gibt es aber keine.

Katharina musste auch nach ihrer Zeit als Äbtissin nicht darben. Sie war und blieb eine reiche Frau. Ihr Leben änderte sich aber von Grund auf, denn was bleibt, wenn all die kirchlichen und politischen Verpflichtungen wegfallen, die ihre Tage ausfüllten? Sie musste ein vollkommen neues Leben beginnen! Sicher nicht ganz einfach!

Das ist nun wirklich die Kürzestfassung der Geschichte. Wer es genauer wissen will, dem kann ich das Buch von Irene Gysel wärmstens empfehlen. Und jene, die kein ganzes Buch lesen mögen, finden vieles auf der Jubiläumshomepage katharina2024.ch

Münsterplatz

Wir stehen nun also auf dem Münsterplatz, vor dem Fraumünster, dort, wo früher der Äbtissinenstein stand. Bei diesem Stein hielten die Kutschen, die Besucherinnen und Besucher wurden hier von der Äbtissin begrüsst. Sehr anschaulich schilderte Irene Gysel das Zeremoniell. Alles war ganz genau geregelt, wer, wann, was, wo und wie. Wohl so, wie es noch heute bei Staatsempfängen Brauch ist. Wenn man sich mal die modernen Schirme, Stühle, Fahrzeuge wegdenkt, kann man sich mit etwas Fantasie bestens vorstellen, wie hier Besucher und Besucherinnen empfangen wurden.

Mit Hilfe des Murerplan von 1576 konnten wir uns noch besser vorstellen, wie Zürich damals ausgesehen hat. So viele Kirchen und Klöster in einer Stadt mit gerade mal 5000 Einwohnern! Eine richtige Klosterstadt!

Die wichtigsten beiden Klöster waren das Fraumünster und das Grossmünster. Die Rivalitäten prägten offenbar den Alltag und vor allem die Festtage. In Zürich gab es Prozessionen zu allen möglichen Gelegenheiten.  Frau Gysel sagte, dass es damals in Zürich 64 Feiertage gab. Und an vielen dieser Tage gab es Prozessionen. Und immer wieder Streit, wer denn nun diese Prozessionen anführen darf. Die Chorherren des Grossmünsters oder die Frauen des Fraumünsters? Nicht selten arteten die Diskussionen in Handgemenge aus, bis einmal so viele Leute auf der Brücke über die Limmat quasi im Stau standen, dass diese zusammenbrach und Menschen in der Limmat ertranken. Danach wurden auch die Prozessionen genau geregelt, ein solches Unglück wollte man kein zweites Mal.

auf dem Weg zum Lindenhof

Die Prozessionen führten vom Münsterplatz auf die Pfalz auf dem Lindenhof. Dort wurde Gottesdienst gefeiert, dort standen Zelte, in denen die Leute verpflegt wurden. Auch geschossen wurde an solchen Festen, das Knabenschiessen sei das letzte Überbleibsel dieses Brauches, berichtet Frau Gysel.

Lindenhof

Vom Lindenhof aus führte unser Weg wieder hinunter an die Limmat, vorbei am ehemaligen Standort des Klosters Oettenbach, von dem heute nichts mehr zu sehen ist. Auf der anderen Seite der Limmat ging es wieder bergauf Richtung Grossmünster, vorbei an der Prediger- und der ehemaligen Barfüsserkirche. In der Froschaugasse befand sich die bekannte Druckerei Froschau, das berühmte Wurstessen fand aber noch am älteren Standort der Druckerei statt (auf dem Murerplan ganz links, das kleine Gebäude in den Weinbergen). Zu all diesen Orten wusste Frau Gysel etwas zu erzählen.

Beim Neumarkt kamen wir am ehemaligen Wohnhaus von Katharina von Zimmern vorbei, das dunkelgraue mit den grünen Fensterläden.

In 90 Minuten machten wir eine Zeitreise in die Reformationszeit und erlebten diverse Stationen im Leben von Katharina. Ein faszinierendes Erlebnis! Es hätte gern noch ein Weilchen weitergehn können. Aber eben:  Zurück in die Gegenwart! Zum Mittagessen im  «Karli» .

Die Chagall-Fenster im Fraumünster

Am Nachmittag spazierten wir zurück zum Fraumünster, wo uns Regula Sager zuerst die Legende zur Gründung der Fraumünsterabtei erzählte und uns nachher zeigte, was es auf den berühmten Chagall-Fenstern zu sehen gibt.

Auf diesem Fresko ist die Legende dargestellt: Hildegard und Berta, zwei Töchter des fränkischen Königs Ludwig der Deutsche, lebten auf der Burg Baldern auf dem Albis. Sie wanderten oft nach Zürich um dort in einer Kapelle zu beten. Gott gab den beiden jeweils einen Hirsch mit leuchtendem Geweih auf den Weg, damit er ihnen durch den dunklen Wald leuchte. Dieser Hirsch zeigte den beiden Frauen die Stelle an der Limmat, wo sie eine Kirche errichten sollten. Darauf habe der König die Fraumünsterabtei gestiftet, Hildegard wurde die erste Äbtissin, nach ihrem Tod übernahm Berta. Unter dem Fresko waren einst die beiden Grabkammern von Hildegard und Berta, die aber der Reformation zum Opfer gefallen sind.

Der Chorraum wurde lange Zeit gar nicht genutzt, erst in den 1960er Jahren wurde der Raum restauriert und der damalige Pfarrer Peter Vogelsanger fragte Marc Chagall an, ob er die Fenster gestalten würde. Er bekam lange keine Antwort und hatte den Gedanken bereits aufgegeben, als Chagall 1967 in Zürich zu Besuch war und den Raum sehen wollte. Er war so begeistert davon, dass er zusagte. Er war damals 80 Jahre alt! Seit 1970 gibt es nun diese Pracht zu sehen! Acht Jahre später kam noch die Rosette im Querschiff dazu, die die Schöpfungsgeschichte zeigt.

Der Chorraum ist eindrücklich! Kein Foto kann das adäquat abbilden, es bleibt dir nicht anderes übrig, als entweder deine Erinnerung zu bemühen oder, solltest du nicht dabei gewesen sein, selber mal einen Besuch im Fraumünster zu machen um die Bilder wirken zu lassen. Bei der Führung hatten wir das Privileg, die Bilder vom Lettner aus, also etwas erhöht, und mit den zur Verfügung gestellten Ferngläsern betrachten zu können.

Zwei der Fenster im Chor sind in der Farbe blau gehalten – Chagalls Lieblingsfarbe – je eines in rot, gelb und grün. Man müsse die Fenster spiralförmig «lesen», erklärte Regula Sager. Beginnend mit dem blauen sogenannten Gesetzesfenster ganz rechts,  dann gehe man zum roten Prophetenfenster ganz links, weiter zum gelben Zionsfenster (rechts), zum  blauen Jakobsfenster (links) und schliesslich zum grünen Christusfenster in der Mitte.

Das Gesetzesfenster zeigt Moses mit den Gesetzestafeln ganz oben, darunter Krieg und Leiden.  Ganz unten Jesaia, der das kommen des Messias ankündigt. In der Mitte treffen also Krieg und Frieden aufeinander.

Im Prophetenfenster sind Elisa, Elia auf dem Feuerwagen und Jeremia abgebildet.

Im Zionsfenster verkündet ein Engel den Anbruch der Ewigkeit, das neue Jerusalem kommt auf die Erde herab. Ganz unten singt König David Psalmen.

Logischerweise ist das Jakobsfenster Jakob gewidmet. Jakob träumt von der Himmelsleiter und er kämpft mit dem Engel.

Das in grün gehaltene Christusfenster stellt von unten nach oben Jesu Lebensgeschichte dar. Maria mit dem Kind, Andeutungen an Gleichnisse und ganz oben der Gekreuzigte, bzw. Auferstandene.

Das grosse Fenster in Querschiff ist von Augusto Giacometti und durchaus auch einen Blick wert:

Giacometti-Fenster

Zu sehen sind: Gott (mit Weltkugel) und Jesus Christus rechts, darunter die Propheten Jesaja und Jeremia, Ezechiel und Daniel, Hosea und Joel, Amos und Obadja. Rechts und links aussen jeweils ein Engel.

In der untersten Reihe sind die vier Evangelisten.

Auf der Homepage findest du weitere Informationen und Bilder zu den Chagall-Fenstern und zum Giacometti-Fenster.

Im Fraumünster gibt es auch noch eine Marienkapelle und eine Krypta, in der momentan eine kleine Ausstellung zu Katharina von Zimmern zu sehen ist. Wer mochte, konnte sie sich noch anschauen.

Bericht und Bilder:
Barbara Fleischmann

Weitere Bilder:

 

Fraumünster
Fraumünster
genau hier stand einst das Kloster Oettenbach
genau hier stand einst das Kloster Oettenbach
Buchbinderwerkstatt in der Froschaugasse
Buchbinderwerkstatt in der Froschaugasse
Blick durch die Scheibe zum ehemaligen Kreuzgang der Barfüsserkirche
Blick durch die Scheibe zum ehemaligen Kreuzgang der Barfüsserkirche
Es Päusli vor dem Fraumünster © Barbara Jaeggy
Es Päusli vor dem Fraumünster © Barbara Jaeggy
im Fraumünster
im Fraumünster
Maria mit dem Kind
Maria mit dem Kind
Moses mit den Gesetztestafeln
Moses mit den Gesetztestafeln
der träumende Jakob und der Kampf mit dem Engel am Jabbok
der träumende Jakob und der Kampf mit dem Engel am Jabbok
Jerusalem
Jerusalem
König David
König David