25. Oktober 2024
George Orwell beschreibt in seinem Roman «1984» das Leben und Sterben in einem Staat, der seine Macht mit vollständiger Kontrolle über das Denken und Handeln seiner Bürgerinnen und Bürger optimiert. Anlass zu diesem 1948 erschienenen Buch gaben Erfahrungen unter dem deutschen Nationalsozialismus und dem Stalinismus.
40 Jahre nach «1984» sind viele von Orwells düsteren Prophezeiungen Realität geworden. Auch wenn seine Erzählung insgesamt pessimistisch stimmt, so blitzt da und dort dennoch Hoffnung durch. Nach dieser Hoffnung trotz allem wollen wir literarisch im Werk von Orwells und theologisch in unserer heutigen Zeit forschen.
So steht es auf dem Flyer zur Tagung, die die Vereinigung theologiekurse.ch zusammen mit der Paulus Akademie organisiert hat. Sicher gegen 50 Leute haben sich davon ansprechen lassen und haben am Freitag, 25. Oktober 2024 den Weg in die Paulus Akademie gefunden.
Eigentlich wollte ich ja keinen Bericht schreiben, weil es sich erstens nicht um eine „eigene“ Veranstaltung handelt und zweitens letztes Jahr keine Handvoll unserer Mitglieder Interesse an dieser gemeinsamen Veranstaltung der Vereinigung theologiekurse.ch und der Paulus Akademie gezeigt hatten. Dieses mal waren aber doch einige von uns mit dabei, also habe ich mich breitschlagen lassen und mache zumindest einen Kurzbericht.
Für die literarische Spurensuche war Prof. Dr. Elisabeth Bronfen verantwortlich, sie ist Kulturwissenschaftlerin, Autorin, Kuratorin, emeritierte Professorin für englische und amerikanische Literatur an der Universität Zürich, und global Distinguished Professor an der New York University.
«1984» ist in der Tat ein düsterer Roman. Ich musste ihn in der Schule lesen, da war das Jahr 1984 noch nicht Geschichte, aber auch nicht mehr in weiter Ferne. Wie froh war ich damals, dass sich Orwells Dystopie offensichtlich nicht bewahrheitet hatte! Aber als ich den Roman für diese Tagung erneut zur Hand nahm, wurde mir erschreckend schnell bewusst, wie nahe wir dieser Dystopie inzwischen gekommen sind! Doppelsprech und Doppeldenk sind heute schon fast gang und gäbe. Wir nennen es nicht so, es heisst Fakenews oder alternative Fakten, gemeint ist doch dasselbe.
Winston, der Protagonist des Romans, arbeitet als Schreiber. Seine Aufgabe ist es, Berichte zu überarbeiten, zu ändern, Beweise zu vernichten, so dass alles zu den Aussagen der Partei passt. Was gestern wahr war, ist heute Lüge und umgekehrt. Angesehene Leute werden zu Feinden, Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit Stärke. Und so weiter. Winston arbeitet also daran, die Vergangenheit ständig der Gegenwart anzupassen. Heisst, es gibt kein „früher war es anders“ oder gar „früher war es besser“, es war und ist immer gleich. Wer keine Geschichte hat, der kann sich auch keine (bessere) Zukunft denken. Winston ist sich bewusst, was er da tut, und er ist nicht immer gehorsam. Er schafft sich Hoffnungsinseln, wie Frau Bronfen sagt, er schreibt Tagebuch, was streng verboten ist und ihn sogar das Leben kosten könnte. Er pflegt die verbotene Liebe zu Julia, sie haben nicht nur unerlaubt Sex zusammen, sie erzählen sich Geschichten und halten so Erinnerungen wach. Es nimmt kein gutes Ende, sie werden erwischt und einer Gehirnwäsche unterzogen.
Kurz: Erinnerung ist Hoffnung, Liebe ist Hoffnung, Einbildungskraft, Fantasie ist Hoffnung. Literatur ist Hoffnung. Romane wie dieser schaffen (hoffentlich) ein Bewusstsein für unsere Welt, sie rütteln auf und machen uns (hoffentlich) nachdenklich. Ich zitiere aus Elisabeth Bronfens Referat: Orwells Roman operiert mit dem Wunsch, dem Leser und der Leserin einen empathischen Erkenntnisgewinn zukommen zu lassen. Wenn für Winston in der Erinnerung Hoffnung liegt, so liegt für die Leser und Leserinnen in der düsteren Mahnung, die dieser entgegengesetzt wird, unsere Hoffnung. Wo der Roman für seine Figuren keinen Ausweg bietet – sie werden nicht nur ins System wieder eingebunden, sondern ihr Widerstandswille ist auch gänzlich getilgt worden – zeigt er uns, wie wir das Eintreffen dieser politischen Realität verhindern können. Entscheidend ist hier eben jene doppelte Einbildungskraft, die die Literatur bietet – unsere imaginäre Fähigkeit, uns in die Lebenswelt von fiktionalen Figuren hineinzudenken; ihre Realität als unsere zu erfahren. Und unsere Fähigkeit, diese mit ironischer Distanz zu betrachten: Von ihrem Leid ergriffen, eine Alternative zu begreifen.
Es ist ein schreckliches Buch. Trotzdem: lesen! und darüber nachdenken. George Orwell, 1984, Fischer Verlag
Für die theologische Spurensuche war Dr. Felix Senn zu Gast. Ihn muss ich nicht gross vorstellen, er ist Dozent für systematische Theologie im Studiengang Theologie. Die meisten unserer Mitglieder haben ihn in den Vorlesungen zur Fundamentaltheologie und Eschatologie kennen- und schätzen gelernt.
Er stellt uns seine Folien zur Verfügung, so dass ihr nicht auf meine Zusammenfassung angewiesen seid. Einfach hier klicken und lesen.
Was bei mir hängengeblieben ist: Er stellt der Dystopie die Utopie entgegen. U-topie ist, was noch keinen Ort hat in dieser Welt, aber dringend gebraucht wird. U-topie ermuntert zu ändern, was geändert werden kann um diese Welt besser zu machen. In der Utopie steckt Hoffnung.
«Gaudium et spes», die letzte Konstitution des zweiten Vatikanischen Konzils ist eine theologische Utopie. Freude und Hoffnung… Die Pastoralkonstitution befasst sich mit der Kirche in der heutigen Zeit, sie hat vieles ermöglicht (und würde weiteres ermöglichen, wenn…)
Thema ist auch «Das Prinzip Hoffnung» vom Philosophen Ernst Bloch. Was mir hier besonders gefällt: Träume befassen sich mit Erlebtem, Vergangenem, Tagträume hingegen wenden sich der Zukunft zu. Tagträumen wir also etwas öfter!
Und last but not least: Hoffnung in der Bibel. Hoffnung auf das Reich Gottes. Nicht irgendwann im Jenseits, sondern jetzt und hier. So wäre es gemeint. Das Jenseits ist kein Thema in der Hebräischen Bibel, darum hat Jesus das Reich Gottes nicht irgendwo im Jenseits verortet.. JETZT sollen wir alles tun, um die Welt besser zu machen. Hoffnung. Jetzt. Für alle.
Nach den beiden Referaten gab es eine Diskussionsrunde in vier Gruppen.
Ein Podium mit Elisabeth Bronfen und Felix Senn unter der Leitung von Winfried Bader schloss den Nachmittag ab.
Zwischen all den wortlastigen Beiträgen und Diskussionen sorgte das Duo Les Canaches für herzerwärmende Hoffnungsinseln. Lieder aus Orwells Heimat Schottland, bekanntes, wie Scarborough Fair oder Amasing Grace waren darunter, aber auch unbekanntere Lieder, die alle berührten.
Der Apéro riche zum Abschluss war wieder reichlich und es wurde munter weiterdiskutiert und philosophiert. Auf dass die Hoffnung nicht stirbt!
Bericht und Bilder:
Barbara Fleischmann
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