Ich gebe es zu, Olten stand schon länger als Wunschziel eines Ausflugs auf meiner Liste. Ich bin Heimweh-Oltnerin! Und darum freute es mich sehr, dass ich – mit Hilfe von kompetenten Leuten – Freundinnen und Freunden zeigen konnte: Olten ist mehr als nur Bahnhof!
Empfangen wurden wir am Bahnhof von Beatrice Stampfli, die uns zuerst einmal ein paar Fakten zum Bahnhof Olten lieferte. Ohne Bahnhof wäre Olten nicht, was es heute ist! Vor dem Industriezeitalter, vor der Bahn, war Olten ein kleines Städtchen, das sich zu behaupten versuchte gegen Solothurn und Zofingen, die grösser und mächtiger waren. Ab Olten wurde das Schweizer Eisenbahnnetz vermessen. Kilometer 0 steht, leider wenig prominent, auf einem Stein in der Wand beim Gleis 12. Über 40’000 Züge fahren täglich durch den Bahnhof (inklusive Güterzüge), Und dass Olten ein beliebter Wohnort für Pendler in alle Himmelsrichtungen ist, hörten wir aus einer Geschichte von Alex Capus. Bei der Gelegenheit machte Frau Stampfli kräftig Werbung für den Schriftstellerweg, den es in Olten gibt. Man kann ihn, bewaffnet mit Handy und Kopfhörer, auf eigene Faust besuchen, man wird von Ort zu Ort geführt, überall gibt es kleine Geschichten der bekannten Oltner Autoren, wie z.B. eben Alex Capus, Franz Hohler oder Pedro Lenz.
Der Aare entlang ging es dann Richtung Alte Brücke. Immer wieder stoppten wir, um dies und das aus der Oltner Geschichte zu hören. Man wisse, dass schon zur Zeit der Kelten hier Menschen gesiedelt hatten. Die Römer bauten hier eine Befestigung, Ollodunum. Erstmals urkundlich erwähnt wird das Städtchen Olten aber erst im dreizehnten Jahrhundert. Gegründet wurde es von den Frohburgern, ein Adelsgeschlecht aus der Nordwestschweiz, das dann aber bald ausstarb. Der letzte Frohburger wurde von einem Blitz erschlagen. So geht jedenfalls die Legende…
Die Oltner Altstadt ist klein, sehr klein. In zehn Minuten ist man durch, ausser man ist mit Frau Stampfli dort, dann gibt es an jeder Ecke etwas zu sehen, zu kommentieren, zu bestaunen.
Auf dem Kaplaneiplatz steht z.B. die Statue von Toulouse, der berühmten König von Olten! Die Katze ist eine Legende, gehörte natürlich zuerst mal einer Familie, aber als die dann wegzog, ist Toulouse geblieben, wurde von allen Anwohnern und auch Geschäften nicht nur geduldet, sondern auch verwöhnt. Er hatte seine Schlafplätze in den Läden, in den Schaufenstern, Touristen kamen, um einen Blick auf ihn zu erhaschen. Wer die Geschichten nicht kennt, dem kann ich das Buch von Alex Capus nur empfehlen.
Weit herum zu sehen ist das Wahrzeichen der Stadt, der Stadtturm. Er steht da ziemlich allein, die dazugehörige Kirche wurde schon lange abgerissen. Sie wurde zu klein für die wachsende Stadt. Den Turm hat man aber stehen lassen, wegen der Turmuhr. Damals hatte ja noch nicht jeder eine Armbanduhr, umso wichtiger war es, irgendwo die Zeit ablesen zu können.
So ungefähr hat das damals ausgesehen:

Drohnenaufnahme aus einem früheren Jahrhundert. Die Kirche steht noch mitten in der Stadt, auch der Friedhof ist zu sehen.
Dort, wo früher die Kirche stand, standen nun wir und hörten die Geschichte der alten Kirche St. Martin, wie sie abgerissen und ausserhalb der Stadtmauern eine neue grosse Kirche gebaut wurde. Der Friedhof musste ebenfalls gezügelt werden, er kam neben die neue Kirche auf den Munzingerplatz. Stichwort Munzinger: Josef Munzinger war einer der sieben ersten Bundesräte der Schweiz! Ein weiterer Oltner Bundesrat war Bernhard Hammer (von 1875-1890). Eine Fast-Bundesrätin kommt ebenfalls aus Olten: Liliane Uchtenhagen. Olten kann also nicht nur Literatur, sondern auch Politik 😉
Der Platz beim Turm ist der Ildefons-Platz. Der Oltner Ildefons von Arx (1755-1833) war Mönch, Historiker, Stiftsbibliothekar in St. Gallen. Er hat die Chronik der Stadt geschrieben, darum weiss man heute so viel über diese Zeit.
Die Stadt baute also eine neue Kirche, ebenfalls eine Martinskirche. Genannt wird sie heute Stadtkirche, zum einen, weil die Stadt sie gebaut hatte und zum zweiten zur Unterscheidung der anderen Martinskirche. Die Stadtkirche ist christkatholisch, die Martinskirche römisch-katholisch. Dazu hörten wir am Nachmittag dann mehr.
Die Führung ging weiter zum Hexenturm. Auf dem Bild oben sieht man ihn in der linken oberen Ecke. Heute ist er von innerhalb der Altstadt nicht mehr zu sehen. Frau Stampfli öffnete uns eine unscheinbare Tür, damit wir einen Blick auf den Turm werfen konnten.
Die Oltner Hexe hiess Metzina Wächter, sie war eine Wetterhexe und rettete Olten vor einem Überfall der Berner und Solothurner. Sie provozierte dazu einen gewaltigen Gewittersturm, der die Aare anschwellen liess und die feindlichen Soldaten ertranken, oder flohen vor dem Sturm. Wenn du mehr über diese Sage wissen möchtest, klicke einfach hier!
Als nächstes zeigte uns Frau Stampfli das einzige vollständig bemalte Haus im Kanton Solothurn, der Rathskeller, im Oltner Volksmund „Chöbu“ genannt. Auf dem Bild ist der Auszug der Oltner in den Bauernkrieg zu sehen. Gemalt wurde das Bild 1905, der Maler hat darauf 3 Generationen der Oltner Bürgerfamilie Lang portraitiert und den Architekten, der den damaligen Umbau des Hauses geleitet hat.
Von hier ging es dann direkt zum Stadthaus. Eigentlich ein hässliches Ding, das so gar nicht in die Stadt passt, aber die Aussicht von der Terrasse im 11. Stock ist grandios! Dafür verzeiht man den damaligen Erbauern vieles… Leider kommt man nur mit einer Stadtführerin da hoch. Aber endlich habe ich den idealen Ort gefunden, um die Kirchen gut ins Bild zu bringen! (Ein bisschen blauer Himmel wäre schön gewesen, aber man kann ja nicht alles haben…)
Und hier sieht man knapp rechts der Mitte, fein, weiss, etwas unscheinbar, der Turm der Marienkirche und rechts davon, mit Turmuhr, die reformierte Friedenskirche. Im Vordergrund rechts ein Turm der Stadtkirche, links aussen das Türmchen des (ehemaligen) Kapuzinerklosters.
Danach mussten wir uns von Frau Stampfli verabschieden, nächste Station: Mittagessen im Astoria. Fein! Freundlich! Sehr empfehlenswert!
Am Nachmittag erwartete uns Max Frey, er zeigte uns in einer weiteren spannenden Führung die christkatholische Kirche.
Gebaut wurde sie 1806-1813 von Holzbauer und Architekt Blasius Baltenschwiler. Bekannt war der Mann zwar vor allem als Brückenbauer, auch die Alte Brücke wurde von ihm erbaut. Die Stadtbehörden waren so zufrieden mit seiner Arbeit, dass sie dachten, wer Brücken bauen kann, kann auch eine Kirche bauen und gaben ihm den Auftrag, die neue, grössere Kirche zu bauen. Die Nachfahren von Blasius Baltenschwiler führen übrigens noch heute eine Schreinerei in Laufenburg!
Das Altarbild ist nach einem Entwurf von Martin Disteli entstanden. Herr Frey zeigte uns eine Zeichnung des Entwurfs, darauf auch viel Nacktheit, was den damaligen Behörden nicht gefiel. Martin Disteli verstarb schon mit 42 Jahren, das Bild wurde schliesslich von Sebastian Gutzwiller gemalt, er bekam den Befehl, den Leuten Kleider zu geben 😉
In den Jahren 2016-2018 wurde die Kirche total renoviert. Herr Frey hatte damals die Gelegenheit den Dachstock zu sehen und zeigte uns Bilder von da oben. Die Dachkonstruktion lässt tatsächlich an das Dach der Brücke denken! Ein Rad, das beim Erbau für Transporte nach oben genutzt wurde, ist noch dort. Die „Aufhängevorrichtung“ der Decke für die damalige Zeit genial. Sie hält jedenfalls bis heute. Eine ähnliche Konstruktion führte vor einigen Jahren im Hallenbad Uster zu einer Katastrophe…
Die Kirche war bis in die 1870er Jahre römisch-katholisch. Nach dem ersten vatikanischen Konzil (1870) spaltete sich die katholische Welt in jene, die die Unfehlbarkeit des Papstes anerkannten und die anderen, die das nicht akzeptierten. Ab da gab es die römisch-katholische und die altkatholische (in Deutschland) bzw. christkatholische (in der Schweiz) Kirche.
Olten mischte da ganz vorne mit! Die ganze Stadt wurde christkatholisch, naja, fast die ganze. Das Verhältnis war ungefähr 80 zu 20%. In Olten entstand die erste christkatholische Gemeinde der Schweiz. Über diese Zeit liesse sich wohl nochmal Stunden reden und zuhören, aber wir wollten ja auch noch die Sprüche lesen, die da an den Wänden stehen. Aus reformierten Kirchen kenne ich das, da stehen sehr oft Bibelzitate. In der christkatholischen Kirche in Olten kommen diverse Leute zu Wort: dreimal Franz Hohler – er ist der wohl bekannteste christkatholische Oltner, Meister Eckhardt, Carl-Friedrich von Weizsäcker, Karl Rahner, Jacqueline Keune und Hans Gerny, em. Bischof der christkatholischen Kirche Schweiz (†2021). Die Texte findest du unten in der Bildergalerie (Bild anklicken, dann wird es gross).
Möchtest du noch mehr wissen über den Kulturkampf in Olten? Ich habe 2004 im Studiengang Theologie (damals noch TKL) für das Fach Kirchengeschichte eine Arbeit über diese Zeit geschrieben: Katakombenzeit. Die Zeit des Kulturkampfes in der Stadt Olten (pdf). Wenn du magst, darfst du sie gern lesen (aber bitte nicht damit „hausieren“ gehen, danke!).
Es war ein interessanter, spannender Tag. Danke fürs Mitkommen, und speziell danke den beiden wirklich tollen StadtführerInnen: Beatrice Stampfli und Max Frey.
Bericht und Bilder: Barbara Fleischmann
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